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Dienstag, 25. August 2009

Die fünfte JahresZeit


Das Licht draussen hat sich verändert.Fast unmerklich.Fast über Nacht.
Bei vielen spüre ich Melancholie,ich aber genieße diese Zeit zwischen den Zeiten.
Zeit auch für einen meiner Lieblingstexte,den ich immer wieder,immer in dieser magischen ZwischenZeit lese,betrachte,nachspüre.


»Kurz und knapp, Herr Hauser! Hier sind unsere vier Jahreszeiten. Bitte: Welche –?«

Keine. Die fünfte.


»Es gibt keine fünfte.«


Es gibt eine fünfte. – Hör zu: Wenn der Sommer vorbei ist und die Ernte in die Scheuern gebracht ist, wenn sich die Natur niederlegt, wie ein ganz altes Pferd, das sich im Stall hinlegt, so müde ist es – wenn der späte Nachsommer im Verklingen ist und der frühe Herbst noch nicht angefangen hat –: dann ist die fünfte Jahreszeit.


Nun ruht es. Die Natur hält den Atem an; an andern Tagen atmet sie unmerklich aus leise wogender Brust. Nun ist alles vorüber: geboren ist, gereift ist, gewachsen ist, gelaicht ist, geerntet ist – nun ist es vorüber. Nun sind da noch die Blätter und die Gräser und die Sträucher, aber im Augenblick dient das zu gar nichts; wenn überhaupt in der Natur ein Zweck verborgen ist: im Augenblick steht das Räderwerk still. Es ruht.


Mücken spielen im schwarz-goldenen Licht, im Licht sind wirklich schwarze Töne, tiefes Altgold liegt unter den Buchen, Pflaumenblau auf den Höhen ... kein Blatt bewegt sich, es ist ganz still. Blank sind die Farben, der See liegt wie gemalt, es ist ganz still. Boot, das flußab gleitet, Aufgespartes wird dahingegeben – es ruht.

So vier, so acht Tage – Und dann geht etwas vor. Eines Morgens riechst du den Herbst. Es ist noch nicht kalt; es ist nicht windig; es hat sich eigentlich gar nichts geändert – und doch alles. Es geht wie ein Knack durch die Luft – es ist etwas geschehen; so lange hat sich der Kubus noch gehalten, er hat geschwankt ... , na ... na ... , und nun ist er auf die andere Seite gefallen. Noch ist alles wie gestern: die Blätter, die Bäume, die Sträucher ... aber nun ist alles anders. Das Licht ist hell, Spinnenfäden schwimmen durch die Luft, alles hat sich einen Ruck gegeben, dahin der Zauber, der Bann ist gebrochen – nun geht es in einen klaren Herbst. Wie viele hast du? Dies ist einer davon. Das Wunder hat vielleicht vier Tage gedauert oder fünf, und du hast gewünscht, es solle nie, nie aufhören. Es ist die Zeit, in der ältere Herren sehr sentimental werden – es ist nicht der Johannistrieb, es ist etwas andres. Es ist: optimistische Todesahnung, eine fröhliche Erkenntnis des Endes. Spätsommer, Frühherbst und das, was zwischen ihnen beiden liegt. Eine ganz kurze Spanne Zeit im Jahre.


Es ist die fünfte und schönste Jahreszeit.

(aus:Kurt Tucholsky: Kaspar Hauser/Die Weltbühne, 22.10.1929, Nr. 43, S. 631.)

Kommentare:

  1. Das ist es! Genau das ist es, was ich um diese Zeit immer meine zu empfinden. Die fünfte Jahreszeit!

    Herrlicher Post! Danke dafür!

    Liebe Grüße, Kirstin

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  2. ...habe es in meine Seele aufgesogen, diesen WortZauber...einen Moment lang, sah und empfand ich die schönsten Bilder...Stille...Friede.
    Danke Dir, Mia

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  3. Dankeschön für diesen bewegenden Texte, ich trauere immer sehr den vergehenden langen Tagen nach.
    Liebe Grüße
    Ingrid

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  4. Wie wunderschön, liebe Barbara!!! Diese fünfte Jahreszeit ist meine allerliebste und ich genieße sie von ganzem Herzen....gerade auch wenn man frühmorgens unterwegs ist, spürt man diese leise, aber stetige Veränderung....die sachten Nebelschwaden, die über der Landschaft liegen...ein Traum!!!

    Eine herrliche Zeit und GLG, herzlichst Jade

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  5. ein wirklich schöner text, den du da ausgesucht hast und der diesen übergang von einer jahreszeit in die andere so wunderbar und stimmungsvoll beschreibt, liebe barbara. hab ihn gestern schon gelesen, war berührt, hatte es so eilig und wollte nicht irgendwas auf die schnelle dazu schreiben. besser heute, mit den richtigen worten dir sagen: auch dein blog ist für mich eine stille oase, in der ich auftanken und mich stimulieren kann. immer geh ich bereichert weg von hier ... dafür wieder einmal DANKE :)

    einen schönen tag wünsch ich dir,
    slg rena

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